Auf der anderen Seite der Grenze
Home › Blog › Auswandern
Auswandern

Auf der anderen Seite der Grenze

Eine kritische Betrachtung der Vorurteile über Dänemark und Skandinavien: Warum die Realität des Auswandererlebens oft ganz anders aussieht als der Urlaubstraum.

Hinter der Grenze beginnt nicht das bessere Leben

Dennoch, haben wir sie alle im Kopf, diese Bilder.

Man muss nur ein Land nennen, und schon öffnet sich irgendwo im Kopf eine Schublade.

Die Italiener? Temperamentvoll, laut, herzlich, immer ein bisschen chaotisch.

Die Spanier? Lebenslustig, entspannt und irgendwie grundsätzlich später dran als der Rest Europas.

Die Franzosen? Genussmenschen. Ein bisschen stolz, ein bisschen arrogant vielleicht, aber selbstverständlich mit gutem Wein und ausgezeichnetem Essen.

Die Engländer? Höflich, zurückhaltend, skurril, mit diesem trockenen Humor, bei dem man manchmal erst fünf Minuten später merkt, dass man gerade auf den Arm genommen wurde.

Die Griechen? Gastfreundlich, temperamentvoll, familienverbunden und mit Zeitplänen vielleicht nicht ganz so innig verbunden wie die Deutschen.

Und wir Deutschen?

Über uns weiß der Rest Europas natürlich auch bestens Bescheid.

Wir sind pünktlich. Ordentlich. Fleißig. Zuverlässig. Wir lieben Regeln, machen für alles einen Plan und nehmen diesen anschließend so ernst, dass wir wahrscheinlich sogar die Spontaneität vorher in den Kalender eintragen würden.

Humor haben wir angeblich eher wenig. Dafür können wir organisieren.

So weit, so schön.

Besonders interessant wird es aber, wenn wir nach Norden schauen.

Denn auch von Skandinavien haben wir Deutschen ziemlich genaue Vorstellungen.

Die Menschen dort sind entspannter. Freundlicher. Gelassener. Naturverbundener. Weniger kompliziert. Die Gesellschaft ist toleranter, moderner und irgendwie menschlicher. Man arbeitet, um zu leben, statt zu leben, um zu arbeiten. Und selbstverständlich sitzt man anschließend bei Kerzenlicht zusammen und hat es hyggelig.

Dabei lohnt es sich dann schon, etwas genauer hinzusehen.

Zwischen Dänemark, Schweden und Norwegen gibt es fast eine Art familiäre Stichelei: Die Schweden gelten als die korrekten und etwas steifen Geschwister, die Dänen als die lockereren, lauteren und genussfreudigeren und die Norweger als die naturverbundenen, reichen Cousins aus den Bergen. Und über die Finnen existiert dann wieder das liebevoll gepflegte Bild des Menschen, der drei Stunden schweigend mit dir in der Sauna sitzt und anschließend findet, man habe sich ausgezeichnet unterhalten.

Wir Deutschen werfen sie aber gerne in einen großen Topf:

Skandinavien ist Eins ...

Und ganz besonders Dänemark bekommt dabei einen bemerkenswerten Heiligenschein.

Hygge. Vertrauen. Gelassenheit. Gemeinschaft. Weniger Stress. Weniger Ellenbogen. Mehr Zeit füreinander. Die Kinder sind glücklicher, die Erwachsenen entspannter und irgendwie scheint das ganze Land verstanden zu haben, worum es im Leben wirklich geht.

Und jetzt wird es vielleicht Zeit, einmal ganz tief Luft zu holen.

Denn kann das tatsächlich stimmen?

Kann es wirklich sein, dass Millionen Menschen innerhalb einer Staatsgrenze auf eine bestimmte Weise ticken und ein paar Kilometer weiter plötzlich ganz anders?

Was soll denn an der Grenze passieren?

Fährt man bei Flensburg über die Grenze und plötzlich bleiben sämtliche deutschen Uhren stehen?

Wird aus dem gestressten Menschen automatisch ein entspannter?

Verschwindet mit dem Grenzschild der Ehrgeiz?

Hören Menschen auf, neidisch, ungeduldig, ungerecht oder schlecht gelaunt zu sein?

Natürlich nicht.

Ich lebe inzwischen in Dänemark. Und vielleicht ist genau das einer der größten Unterschiede zwischen einem Land, in dem man Urlaub macht, und einem Land, in dem man tatsächlich lebt:

Irgendwann verschwindet die Kulisse.

Dann ist Dänemark nicht mehr das Ferienhaus hinter den Dünen.

Dann ist Montagmorgen.

Dann muss jemand zur Arbeit, obwohl er keine Lust hat.

Dann ist das Kind krank und bringt die gesamte Wochenplanung durcheinander.

Dann reicht das Geld vielleicht gerade nicht für den Urlaub, auf den man sich gefreut hat.

Dann gibt es Ärger mit dem Chef, Streit in der Familie, eine kaputte Heizung, eine Rechnung, mit der man nicht gerechnet hat, und einen Termin, auf den man viel zu lange warten muss.

Auch Dänen haben Angst.

Auch Dänen machen sich Sorgen.

Auch Dänen wollen beruflich weiterkommen.

Auch hier gibt es Konkurrenz und Neid. Menschen können unfreundlich, ungerecht oder egoistisch sein. Auch hier wird geschimpft, gepoltert und gestritten. Auch hier gibt es Menschen, die tolerant sind und Menschen, die es überhaupt nicht sind.

Und selbstverständlich gibt es hier genauso Menschen, die herzlich, hilfsbereit, gelassen und großzügig sind.

Aber eben nicht, weil sie Dänen sind.

Sondern zunächst einmal, weil sie Menschen sind.

Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede. Die will, kann und darf ich überhaupt nicht wegreden. Gesellschaften entwickeln unterschiedliche Gewohnheiten. Der Umgang mit Hierarchien kann anders sein. Kommunikation funktioniert anders. Vertrauen in Institutionen kann stärker oder schwächer ausgeprägt sein. Familienleben, Arbeitswelt, Humor, Höflichkeit und der Umgang mit Regeln unterscheiden sich tatsächlich.

Das alles ist spannend.

Aber Kultur ist kein Charaktertest.

Ein Däne bekommt bei seiner Geburt kein Hygge-Gen eingepflanzt, genauso wenig wie ein Deutscher mit einer inneren Stechuhr und einem Leitz-Ordner zur Welt kommt.

Vielleicht liegt genau hier ein Denkfehler, den man besonders häufig macht, wenn man sich in ein anderes Land verliebt.

Man verwechselt das Lebensgefühl des eigenen Urlaubs mit dem Alltag der Menschen, die dort leben.

Natürlich fühlt sich Dänemark anders an, wenn ich im Sommer am Meer sitze.

Ich habe Urlaub.

Der Mensch, der gerade an mir vorbeifährt, vielleicht nicht.

Ich sehe das hübsche Haus mit der dänischen Fahne im Garten. Ich sehe nicht die Sorgen der Familie, die darin wohnt.

Ich sehe Menschen im Café und denke: Wie entspannt die hier alle sind.

Vielleicht sitzt dort aber gerade jemand, dessen Mutter schwer krank ist. Jemand, der seinen Arbeitsplatz verloren hat. Jemand, dessen Beziehung zerbricht. Oder einfach jemand, der sich fragt, wie er die nächsten Rechnungen bezahlen soll.

Das sieht man einem Menschen nicht an.

Schon gar nicht im Urlaub.

Und deshalb wäre es vielleicht an der Zeit, dass der geneigte Dänemarkurlauber gelegentlich seine rosarote Brille abnimmt.

Nicht, weil Dänemark schlecht wäre.

Ganz im Gegenteil.

Ich lebe gerne hier.

Aber ich muss Dänemark nicht zum Paradies erklären, um es lieben zu können.

Vielleicht beginnt eine viel interessantere Beziehung zu einem Land sogar erst dann, wenn man aufhört, es zu verklären.

Dänemark ist kein Ferienprospekt.

Deutschland ist kein Land voller humorloser Regelmenschen.

Frankreich besteht nicht ausschließlich aus arroganten Feinschmeckern, Italien nicht aus temperamentvollen Lebenskünstlern und Finnland nicht aus schweigenden Saunagängern.

Hinter jeder dieser Grenzen leben Menschen.

Menschen mit Gefühlen und Vorlieben, mit Stärken und Schwächen, mit Ängsten und Hoffnungen, mit Rechnungen, Krankheiten, Träumen, schlechten Tagen und wunderbaren Momenten.

Vielleicht unterscheiden wir uns kulturell manchmal stärker, als wir denken.

Aber als Menschen wahrscheinlich sehr viel weniger.

Und möglicherweise ist genau das die beste Erkenntnis, die man aus einer Auswanderung mitnehmen kann:

Hinter der Grenze beginnt nicht das bessere Leben.

Dort leben einfach Menschen ihr ganz normales Leben.

So wie wir.

Hinter jeder dieser Grenzen leben Menschen. Menschen mit Gefühlen und Vorlieben, mit Stärken und Schwächen, mit Ängsten und Hoffnungen, mit Rechnungen, Krankheiten, Träumen, schlechten Tagen und wunderbaren Momenten.

💡 Die rosarote Brille ablegen

Verwechsle nicht das Lebensgefühl deines Urlaubs mit dem Alltag der Menschen, die dort leben. Dänemark ist kein Ferienprospekt. Erst wenn du aufhörst, ein Land zu verklären, beginnst du eine interessantere Beziehung dazu zu entwickeln. Kulturelle Unterschiede sind spannend, aber Kultur ist kein Charaktertest.

Erlebe Skagen

Skagen mit Christine erleben

Kennst du schon meine geführten Touren? Ich zeige dir Skagens Künstler, Küste und Geschichten – persönlich und authentisch.

Touren ansehen & buchen
Newsletter
C
Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.