Wir sind doch schnell da
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Wir sind doch schnell da

Auswandern lässt sich planen - Geld, Wohnung, Arbeit, Krankenversicherung. Aber es gibt eine Seite, über die viel zu selten gesprochen wird: Was passiert, wenn in der alten Heimat etwas geschieht, das sich nicht mit einem Telefonat lösen lässt?

Man kann eine Auswanderung planen. Wirklich planen. Man kann sich monatelang Gedanken machen über Geld, Wohnung, Arbeit, Krankenversicherung, Auto, Steuern, Sprache und all die kleinen und großen Dinge, die zu einem neuen Leben in einem anderen Land gehören. Listen schreiben, rechnen, recherchieren, versuchen, möglichst keinen Fehler zu machen.

Und irgendwann stellt man fest: Es hat funktioniert. Man lebt tatsächlich im neuen Land. Man hat Arbeit, versteht, wie die Dinge laufen, spricht die Sprache. Vielleicht noch nicht perfekt, aber gut genug, um den Alltag zu meistern. Man kennt Menschen, hat Kontakte, vielleicht sogar Freunde gefunden. Man weiß, wo man einkauft, wo man zum Arzt geht und wen man anruft, wenn etwas nicht funktioniert. Irgendwann fühlt sich das neue Land nicht mehr wie das Ausland an. Es ist Zuhause geworden.

Und genau dann kann etwas passieren, an das man bei der ganzen Planung kaum gedacht hat. Im alten Zuhause passiert etwas. Und plötzlich merkt man, wie weit weg tausend Kilometer wirklich sind. Vor der Auswanderung sagt man solche Sätze ganz selbstverständlich: Wenn mal etwas ist, sind wir doch schnell da. Ins Auto setzen und losfahren. So jedenfalls die Theorie. In der Realität sieht das dann etwas anders aus.

Dann fahren wir eben hin!? Wer arbeitet, fährt nicht einfach für mehrere Tage ins alte Heimatland. Man braucht frei, und dieses Frei fällt nicht vom Himmel, es geht von der eigenen Urlaubszeit ab. Dafür ist Urlaub doch da, kann man sagen. Aber eine Reise in die alte Heimat, bei der Probleme geklärt werden müssen, hat mit Urlaub ungefähr so viel zu tun wie ein Zahnarzttermin mit Wellness.

Zehn oder zwölf Stunden im Auto, oder Zug, oder Flugzeug. Man kommt an und hat Termine. Man muss Gespräche führen, Unterlagen zusammensuchen, Menschen besuchen, vielleicht Konflikte klären, vielleicht Dinge regeln, die über Monate liegen geblieben sind. Man fährt von A nach B, versucht möglichst vieles unter einen Hut zu bekommen und weiß die ganze Zeit, dass die Uhr läuft. Denn irgendwann muss man zurück. Zur Arbeit. Nach Hause. Nach so einer Reise bräuchte man eigentlich erst einmal Urlaub.

Und dann kostet das Ganze auch noch Geld! Auch darüber denkt man vorher erstaunlich wenig nach. Sprit, vielleicht Maut, vielleicht eine Übernachtung unterwegs. Oder Zugtickets, oder Flugtickets. Dazu das Essen unterwegs und alles andere, was bei einer Reise eben anfällt.

Und noch etwas kommt hinzu. Wenn man in die alte Heimat fährt, möchte man gerne etwas mitbringen. Nicht, weil das jemand erwarten würde, im Gegenteil. Wahrscheinlich würde jeder sagen, man solle bloß nichts mitbringen. Aber das möchte man doch selbst. Man lebt inzwischen in Dänemark und entdeckt ständig Dinge, bei denen man denkt: Das wäre etwas für den. Darüber würde die sich bestimmt freuen.

Man möchte den Menschen, die man lange nicht gesehen hat, ein kleines Stück des neuen Zuhauses mitbringen. Und selbst wenn man nur zehn oder zwölf Euro pro Person rechnet, muss man kein Mathematikgenie sein, um zu sehen, dass bei Familie und Freunden schnell ein stolzes Sümmchen daraus wird.

Dann kommen die ganz banalen Fragen. Haben wir das Geld gerade übrig? Möchten wir es im Moment dafür ausgeben? Muss die Reise ausgerechnet jetzt sein? Und gleichzeitig weiß man: Ja, manchmal muss sie sein.

Manches lässt sich nicht aus tausend Kilometern Entfernung lösen

Das ist für mich der wichtigste Punkt. Wir leben in einer Zeit, in der Entfernung kaum noch eine Rolle zu spielen scheint. WhatsApp, Videoanruf, E-Mail, Onlinebanking, digitale Unterschriften, Behördenportale.

Man kann von Dänemark aus erstaunlich viele Dinge in Deutschland regeln. Aber eben nicht alles.

Es gibt Situationen, in denen man irgendwann merkt: Jetzt müsste ich eigentlich dort sein.

Vielleicht geht es um Familie, um Krankheit, um ein Haus, um Unterlagen, um alte Verpflichtungen, um Streit. Oder um Dinge, die jahrelang irgendwie funktioniert haben und plötzlich überhaupt nicht mehr funktionieren.

Und dann stellt man fest, dass ein Wochenende nicht reicht. Dass auch drei Tage nicht reichen. Manche Probleme sind nicht mit einem Termin erledigt. Man fährt hin, kümmert sich um eine Sache und entdeckt dabei die nächsten drei. Man beginnt etwas zu klären und merkt, dass dahinter ein viel größeres Problem steckt, eines, das eine langfristige Lösung braucht. Und dann? Jede zweite Woche tausend Kilometer fahren kann man schließlich nicht.

Besonders schwierig wird es bei der Familie Solange alle miteinander auskommen, ist Entfernung manchmal erstaunlich einfach. Man telefoniert, man schreibt, man besucht sich, und wenn man sich nach ein paar Monaten wiedersieht, freut man sich.

Aber was passiert, wenn es Konflikte gibt? Wenn Menschen nicht miteinander reden? Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen? Wenn man selbst plötzlich außen vor ist, weil diejenigen, die vor Ort leben, naturgemäß viel näher am Geschehen sind?

Entfernung verändert Machtverhältnisse. Das klingt dramatisch, ist aber schlicht eine Tatsache. Wer vor Ort ist, kann schnell reagieren. Er kann hinfahren, klingeln, Unterlagen abholen, ein persönliches Gespräch führen. Wer tausend Kilometer entfernt lebt, kann telefonieren oder eine E-Mail schreiben. Und das ist einfach nicht dasselbe.

Darüber haben wir vor der Auswanderung kaum nachgedacht Nicht, weil wir naiv gewesen wären, sondern weil man unmöglich jede Entwicklung seines zukünftigen Lebens vorhersehen kann. Man kann sich gegen vieles absichern, aber man kann nicht planen, wie sich Menschen entwickeln. Man kann familiäre Konflikte nicht Jahre im Voraus einkalkulieren. Man kann nicht wissen, wer krank wird, wer Hilfe braucht, welche Angelegenheiten irgendwann plötzlich wichtig werden.

Vielleicht gehört genau diese Erkenntnis auch zum Auswandern. Man verlässt nicht nur ein Land, man schafft Entfernung. Diese Entfernung kann wunderbar sein. Sie kann Freiheit bedeuten, Neuanfang, Ruhe, ein ganz neues Leben.

Aber sie hat eben auch einen Preis, und ich meine damit nicht nur die Tankrechnung.

Würden wir deshalb nicht mehr auswandern? Nein. Ganz eindeutig nein. Unser Leben ist heute hier. Wir haben es uns aufgebaut und es fühlt sich richtig an.

Aber ich würde zu den Dingen, über die man vor einer Auswanderung nachdenken sollte, heute einen Punkt hinzufügen: Was passiert eigentlich, wenn in der alten Heimat etwas geschieht, das sich nicht mit einem Telefonat lösen lässt? Nicht, weil man dafür schon die perfekte Lösung haben müsste. Vielleicht gibt es die gar nicht. Sondern weil es gut ist zu wissen, dass dieser Moment kommen kann. Dass “wir sind doch schnell da” bei über tausend Kilometern relativ ist.

Und dass man manchmal plötzlich zwischen zwei Welten steht. Das eigene Leben findet längst im neuen Land statt, die Arbeit ist hier, der Alltag ist hier, das Zuhause ist hier. Und trotzdem gibt es dort, wo man einmal Zuhause war, Menschen, Erinnerungen, Verpflichtungen und manchmal Probleme, die einen noch immer erreichen.

Vielleicht ist genau das eine der Seiten des Auswanderns, über die viel zu selten gesprochen wird. Man kann tatsächlich an fast alles denken. Und trotzdem passiert irgendwann etwas, das auf keiner Auswanderungs-Checkliste stand.

Man verlässt nicht nur ein Land, man schafft Entfernung. Diese Entfernung kann wunderbar sein. Sie kann Freiheit bedeuten, Neuanfang, Ruhe, ein ganz neues Leben. Aber sie hat eben auch einen Preis.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.