Manchmal hat es diese Tage, die einem ganz leise fühlen lassen, dass man angekommen ist.
Gestern Abend und heute Vormittag waren für mich genau solche Tage.
Gestern stand unser Sommerkonzert mit dem Rytmisk Kor Strandby in der Kirche auf dem Programm. Unsere Chorleiterin Anne hatte alles mit viel Herzblut vorbereitet und ging vor dem Konzert noch einmal jedes Detail mit uns durch.
Hundert Programmhefte wurden gedruckt. Hundert. Und sie reichten nicht aus.
Die Kirche war wunderbar gefüllt, die Stimmung herzlich und erwartungsvoll. Wir sangen viele der klassischen dänischen Sommerlieder, die hier jeder kennt und liebt. Dazu kamen zwei weltbekannte englische Titel, die das Programm ergänzten.
Besonders schön finde ich bei solchen Konzerten immer die Fællessange. Wenn plötzlich nicht nur der Chor singt, sondern die ganze Kirche. Wenn Stimmen aus allen Reihen zusammenkommen und für einen Moment aus Publikum und Mitwirkenden eine einzige Gemeinschaft wird.
Das Konzert war ein voller Erfolg.
Anne hat sich selbst übertroffen. Und wir als Chor auch.
Nach dem letzten Lied waren wir alle ein wenig beseelt und ließen uns noch lange von den Wellen dieses Abends tragen.
Anschließend wurde angestoßen. Für die Erwachsenen gab es ein Glas Sekt, dazu kleine Snacks. Für die Kinder standen Faxe bereit. Danach begann unser Sommerabschluss mit den Mitgliedern des Chores.
Es gab die traditionellen handgepulten schwedischen Rejer mit Brot, Mayonnaise und Zitrone. Dazu Getränke nach Wahl und vor allem eines: Zeit miteinander.
Zeit zum Reden.
Zeit zum Lachen.
Zeit zum Anstoßen auf den Sommer.
Während ich dort saß, musste ich an das vergangene Jahr denken.
Damals saßen Michael und ich noch nebeneinander an einem Tisch. Einige liebe Menschen kümmerten sich um uns und versuchten, uns einzubeziehen. Rückblickend glaube ich, wir taten ihnen damals fast ein wenig leid. Die Neuen eben. Die Zugezogenen. Diejenigen, die noch nicht richtig dazugehörten.
Gestern war alles anders.
Michael saß bei den Männern.
Ich saß bei den Frauen.
Und das Schönste daran war: Man hatte mir meinen Platz freigehalten.
Das klingt nach einer Kleinigkeit.
War es aber nicht.
Denn in diesem Moment fühlte ich mich nicht mehr wie ein Gast.
Ich fühlte mich mittendrin.
Ich gehörte dazu.
Ich war angenommen.
Ich konnte mitfeiern, mitlachen und einfach ich selbst sein.
Als der Abend zu Ende ging, umarmten wir uns, wünschten uns einen schönen Sommer, verabredeten uns für die Zeit danach und winkten einander nach.
Und diese Wärme nahm ich mit nach Hause.
Bis in den nächsten Morgen.
Und auch heute begann der Tag dann mit schönen Begegnungen.
Früh am Morgen brachte ich meiner finnischen Freundin unsere neue Arbeitskleidung vorbei, die ich am Vortag abgeholt hatte. Gemeinsam fuhren wir anschließend ins Møllehuset.
Dort hatte die Kommune Frederikshavn zu einem Arbeitsfrokost eingeladen. Das Thema war der deutsche Tourismus und die Frage, wie man ihn in unserer Region weiter stärken kann.
Da uns beide dieses Thema interessiert, hatten wir uns früh angemeldet. Die Plätze waren begrenzt.
Kaum angekommen, wurde ich auch schon aufgerufen.
Ob ich mich nicht kurz vorstellen und erzählen möchte, warum ich hier sei.
Ich war völlig unvorbereitet.
So richtig.
Ich erzählte, dass ich erst vor zweieinhalb Jahren nach Dänemark gezogen bin, dass ich Deutsche bin und dass sie mich gerade ziemlich kalt erwischt habe. Außerdem sei mein Dänisch vermutlich nicht gut genug, um jetzt spontan eine große Rede zu halten.
Natürlich habe ich das nicht in einem Satz gesagt.
Wer mich kennt, weiß das.
Die Antwort, die ich bekam, hat mich dafür umso mehr gefreut.
Man sagte mir, dass mein Dänisch für die kurze Zeit, die ich hier lebe, außerordentlich gut sei.
Das tat gut.
Sehr gut sogar.
Im Laufe des Vormittags gab es viele interessante Vorträge und Gespräche. Besonders angenehm war, dass niemand nordjütischen Dialekt sprach. Alle redeten ein klares, gut verständliches Dänisch. Dadurch konnten wir dem Geschehen problemlos folgen und uns mit der Zeit auch selbst einbringen.
Und dann gab es noch eine kleine Überraschung.
Plötzlich entdeckte ich meine neue Chefin vom Küstenmuseum.
Wir mussten beide lachen.
So kurz nach der Vertragsunterzeichnung begegnet man sich also wieder.
Und auch eine Kollegin aus Skagen war dabei. Auch eine, die viele Hüte trägt, wie man hier sagt wenn man verschiedene Jobs hat. So wie ich mittlerweile auch.
Nordjütland ist manchmal wirklich ein Dorf.
Und ja, bevor ich es vergesse:
Das Essen war ausgezeichnet.
Frisches Obst, Gebäck, Kaffee, Wasser, Rohkost und wunderbar belegte Sandwiches. Genau die Art von Verpflegung, die man bei solchen Veranstaltungen in Dänemark bekommt. Einfach, hochwertig und mit Liebe gemacht.
Als ich später nach Hause fuhr, wurde mir klar, was diese beiden Tage gemeinsam hatten.
Es waren nicht das Konzert.
Nicht das Essen.
Nicht die Vorträge.
Es war dieses Gefühl.
Dieses leise, warme Gefühl, nicht mehr nur dabei zu sein.
Sondern mittendrin.
Und manchmal ist genau das das größte Geschenk, das ein neues Land einem machen kann.