Es gibt da etwas, über das erstaunlich viele Leute reden, wenn sie von Deutschland nach Dänemark fahren.
Man überquert die Grenze und plötzlich verändert sich etwas.
Natürlich ist nicht auf einen Schlag alles anders. Aber die Atmosphäre wird ruhiger. Die Autos fahren langsamer, das Tempo wird gleichmäßiger, es wird weniger gedrängelt und weniger gehetzt.
Und erstaunlicherweise passiert dabei auch etwas mit einem selbst. Man wird ruhiger.
Man nimmt den Fuß vom Gas, nicht nur im wörtlichen Sinn.
Die Fahrt fühlt sich weniger wie ein Wettbewerb an. Man muss nicht ständig überlegen, ob von hinten jemand mit hoher Geschwindigkeit herankommt, ob man noch schnell überholen sollte, ob man jemandem im Weg ist oder ob man noch ein paar Minuten herausholen kann.
Man fährt einfach.
Und genau dieses „einfach fahren“ ist wahrscheinlich schon ein Teil dessen, was so viele Menschen an Dänemark lieben.
Diese Gelassenheit.
Diese Entschleunigung.
Dieses Gefühl, dass nicht alles ständig schneller gehen muss.
Viele beschreiben das dann als Hygge. Nicht unbedingt im klassischen Sinn mit Kerzen und Kaffee, sondern als ein Lebensgefühl. Als diese angenehme Ruhe, die einen irgendwann selbst erfasst.
Und ich kann das mittlerweile sehr gut nachvollziehen.
Denn wenn man aus Deutschland kommt, kann der Unterschied deutlich sein.
Auf deutschen Straßen herrscht oft eine ganz andere Energie.
Hohe Geschwindigkeiten, große Unterschiede zwischen den Fahrzeugen, ständiges Beschleunigen und Bremsen, Überholen, Spurwechsel, dichter Verkehr.
Der eine fährt 100, der nächste 130, von hinten kommt jemand mit 180 oder mehr.
Man schaut ständig in den Rückspiegel.
Wie schnell kommt der Wagen dort hinten näher?
Kann ich noch rausziehen?
Muss ich gleich wieder nach rechts?
Warum fährt der so dicht auf?
Warum muss der jetzt unbedingt noch vorbei?
Es entsteht eine Unruhe, die man oft gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, weil sie so normal geworden ist.
Bis man eine Zeit lang in Dänemark unterwegs war. Und plötzlich merkt man, wie anstrengend Autofahren auch sein kann und wie angenehm es ist, wenn dieser permanente Druck fehlt.
Genau darüber musste ich vor einiger Zeit nachdenken.
Denn in dieser ganzen Begeisterung über die dänische Gelassenheit steckt ein kleiner Widerspruch.
Sind es nicht oft genau dieselben Menschen, die in Dänemark erzählen, wie wunderbar entspannt das Autofahren hier sei, die auf der Heimreise kaum hinter der deutschen Grenze wieder aufs Gaspedal treten?
Zwei Wochen lang heißt es:
„Ach, ist das angenehm hier.“
„Die Dänen sind so entspannt.“
„Man merkt richtig, wie man runterkommt.“
„Hier ist alles viel ruhiger.“
Dann kommt die Grenze. Deutschland. Und gleich darauf wird wieder beschleunigt.
Und natürlich noch mehr.
Überholen.
Spur wechseln.
Wieder möglichst schnell ans Ziel.
Und ich frage mich:
Wie passt das eigentlich zusammen?
Wenn uns dieses ruhigere Fahren so guttut, warum legen wir es dann in dem Moment wieder ab, in dem wir nicht mehr dazu gezwungen sind?
Vielleicht liegt genau darin der interessante Punkt.
Denn offenbar können wir ja anders.
Wir können langsam fahren.
Wir können hinter jemandem bleiben, ohne sofort das Gefühl zu haben, wir müssten vorbei.
Wir können eine Strecke fahren, ohne jede Minute optimieren zu wollen.
Und nicht nur das: Wir empfinden es sogar als angenehm.
Vielleicht ist Dänemark deshalb nicht allein dafür verantwortlich, dass wir uns dort entschleunigt fühlen.
Vielleicht gibt uns dieses Land einfach einen Rahmen, in dem wir uns selbst erlauben, langsamer zu sein.
Wenn 80 erlaubt sind, fahren wir 80.
Wenn 110 erlaubt sind, fahren wir 110.
Und irgendwann stellen wir fest: Es fehlt uns eigentlich nichts. Wir kommen trotzdem an.
Vielleicht ein paar Minuten später, aber dafür oft deutlich entspannter.
Das bedeutet aber auch: Die Gelassenheit, die wir in Dänemark so schätzen, kommt nicht nur von außen.
Wir selbst tragen dazu bei. Und genau das finde ich spannend.
Denn Verkehrskultur entsteht nicht irgendwo abstrakt.
Sie entsteht durch die Menschen, die auf der Straße unterwegs sind.
Durch unsere Geschwindigkeit.
Durch unseren Abstand.
Durch unsere Geduld.
Durch die Art, wie wir miteinander umgehen.
Gerade im Sommer sind auf dänischen Straßen unzählige deutsche Autos unterwegs.
Das heißt: Ein Teil jener entspannten Verkehrsatmosphäre, die deutsche Urlauber so gerne loben, wird von ihnen selbst mitgetragen.
Sie fahren langsamer.
Sie passen sich an.
Sie drängeln weniger.
Sie akzeptieren das Tempo.
Und merken dabei, dass sich das ziemlich gut anfühlt.
Sie können es also.
Sie tun es sogar gerne.
Nur nehmen sie es offenbar nicht mit nach Hause.
Kaum verändert sich der Rahmen, verändert sich auch unser Verhalten.
Nicht weil plötzlich ein anderer Mensch im Auto sitzt.
Sondern weil wieder andere Möglichkeiten da sind.
In Deutschland kann man vielerorts schneller fahren.
Also fährt man schneller.
Andere fahren schneller.
Also zieht man mit.
Und schon ist dieses alte Gefühl wieder da: Man muss schneller sein.
Dabei zwingt uns eigentlich niemand dazu.
Vielleicht ist genau das der Punkt, der über das Autofahren hinausgeht.
Warum verbinden wir Geschwindigkeit so oft mit etwas Positivem?
Warum ist schneller automatisch besser?
Was gewinnen wir wirklich, wenn wir auf einer Strecke fünf oder zehn Minuten früher ankommen?
Und was verlieren wir unterwegs?
Vielleicht ein Stück Ruhe.
Vielleicht etwas Gelassenheit.
Vielleicht genau dieses Gefühl, wegen dem wir Dänemark so mögen.
Denn dieses ständige Tempo findet ja nicht nur auf der Straße statt.
Wir arbeiten schnell.
Wir antworten schnell.
Wir kaufen schnell ein.
Wir erledigen noch schnell etwas, bevor wir schnell zum nächsten Termin müssen.
Noch schnell dies.Noch schnell das.
Und irgendwann fahren wir in den Urlaub und sagen:
„Hier kann man endlich einmal durchatmen.“
Das ist eigentlich bemerkenswert.
Wir suchen uns einen Ort, der uns entschleunigt und kaum sind wir wieder zu Hause, machen wir selbst genau das Gegenteil.
Vielleicht wäre es deshalb interessant, bei der nächsten Rückfahrt einmal darauf zu achten.
Man fährt auf dänischer Seite Richtung Grenze.
Alles ist ruhig.
Man hört Musik.
Man unterhält sich.
Man fährt 110.
Dann kommt Deutschland.
Und irgendwann fällt die Geschwindigkeitsbegrenzung weg.
Was passiert dann?
Geht der Fuß automatisch tiefer aufs Gas?
Und wenn ja - warum eigentlich?
Muss man wirklich schneller fahren?
Oder tut man es nur, weil man es wieder kann?
Vielleicht könnte man einfach noch ein Stück so weiterfahren wie vorher.
Nicht aus nur Prinzip.
Nicht einfach als moralisches Statement.
Sondern aus Neugier.
Vielleicht stellt man dann fest, dass die dänische Gelassenheit gar nicht zwingend an der Grenze endet.
Man kann sie mitnehmen.
Und vielleicht wäre genau das eines der schönsten Souvenirs aus Dänemark.
Keine Kerze.
Kein Lakritz.
Kein Becher mit Dannebrog.
Sondern ein anderes Gefühl für Tempo.
Die Erkenntnis, dass man nicht jede Möglichkeit nutzen muss, nur weil sie da ist.
Und vielleicht ist genau das eine Form von Hygge, über die viel zu selten gesprochen wird.
Nicht nur Kerzenlicht und Gemütlichkeit.
Sondern die Fähigkeit, langsamer zu machen, obwohl man schneller könnte.
Denn eigentlich ist es doch schon ein bisschen absurd:
Wir fahren nach Dänemark, weil uns diese Ruhe so gut tut.
Wir schwärmen davon.
Wir erzählen, wie entspannt wir uns hier fühlen.
Und kaum sind wir wieder über der Grenze, geben wir Gas.
Vielleicht wäre es schöner, ein kleines bisschen weniger Dänemark im Kofferraum mitzunehmen und ein kleines bisschen mehr im rechten Fuß.