Übrigens, ich lebe in Nordjütland
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Dänemark-Tipps

Übrigens, ich lebe in Nordjütland

Ein Blick auf Nordjütland durch die dänische Serie Badehotellet und eine Erkundung der geografischen und kulturellen Vielfalt Dänemarks jenseits der bekannten Klischees.

Übrigens, ich lebe in Nordjütland. Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie sich das anfühlt, dem empfehle ich die dänische Serie Badehotellet. Sie spielt an eben dieser Küste, irgendwo südlich von Skagen, und vermittelt genau das, was hier in der Luft liegt: Weite, Wind, ein Leben das sich nicht beeilt. Sommergäste aus der Stadt treffen auf die stille Welt der Provinz und irgendwie wirkt es, als hätte sich dazwischen nicht so viel verändert.

Die Serie umspannt fast zwei Jahrzehnte, von den späten Zwanzigern bis in die Vierzigjahre. Man schaut sie und hat das Gefühl, dass die Zeit langsamer wird. Nicht weil nichts passiert, sondern weil die Dinge hier ihren eigenen Takt haben. Die Schauplätze gibt es noch, die Namen der Protagonisten kennt man aus dem Alltag und genau das gibt einem das Gefühl, dazuzugehören.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Serie in Dänemark bis heute nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Und sie zieht Menschen her. Touristen aus ganz Dänemark und dem Ausland besuchen die Region, weil sie genau dieses Gefühl suchen, das die Serie vermittelt. Hotels wie das Svinkløv Badehotel an der Jammerbucht und das Hjorths Badehotel bei Skagen wissen das und vermarkten bewusst genau diese Atmosphäre: Entschleunigung, historische Eleganz, Naturverbundenheit.

Es ist eine Bestätigung für die Menschen hier, dass ihre Landschaft etwas Besonderes ist. Etwas, das man nicht erklären muss, wenn man einmal da war.

Aber wer jetzt denkt, Dänemark zu kennen, weil er Nordjütland kennt, der irrt sich genauso wie jemand, der einmal in Hamburg war und meint, damit den gesamten Norden zu kennen, oder wer eine Berlin-Tour gemacht hat und glaubt, nun alle deutschen Städte zu kennen. Dänemark ist mehr als eine Küste und ein Lebensgefühl. Es ist ein Land mit 43.094 Quadratkilometern, bestehend aus der Halbinsel Jütland und über vierhundert benannten Inseln, von denen siebzig bis vierundsiebzig dauerhaft bewohnt sind. Die Küstenlinie erstreckt sich über 8.750 Kilometer und kein Punkt im Land liegt weiter als zweiundfünfzig Kilometer vom Meer entfernt.

Das ist keine geografische Randnotiz, das ist eine Lebensrealität. Das Gelände ist flach, beinahe meditativ, die höchste natürliche Erhebung misst gerade einmal 170,86 Meter. Ein Land, das sich nicht auftürmt, sondern ausbreitet. Und davon hat auch der national berühmte Sänger Michael Falch ein Lied gesungen: Das Lied „Danmark (Land uden høje bjerge)“ mit dem Text von Poul Henningsen ist eine der tiefgründigsten Liebeserklärungen an die dänische Landschaft und Mentalität.

Verwaltungstechnisch gliedert sich Dänemark in fünf Regionen: Nordjütland, Mitteljütland, Süddänemark, Seeland und die Hauptstadtregion. Kopenhagen dominiert mit einem Ballungsraum von 1,39 Millionen Menschen, ein Gewicht, das man auch hier oben im Norden spürt, obwohl man Hunderte Kilometer entfernt ist. Dahinter folgen Aarhus mit rund 301.000 Einwohnern, Odense mit 185.000, Aalborg mit 122.000 und Esbjerg mit rund 71.000. Insgesamt zählt das Land rund sechs Millionen Menschen.

Wer die Großstädte kennt, kennt dennoch nicht das ganze Land. Die Ballungsräume sind ein anderes Dänemark: dichter, schneller, vielschichtiger, geprägt von Menschen, die aus aller Welt hierher gekommen sind. Kopenhagen ist die kosmopolitische Metropole, international, bunt, laut. Aarhus gilt als die Stadt der Studenten und Jungen, eine lebendige Universitätsstadt mit viel Kulturleben.

Odense ist das bürgerliche Herz Fünens, solide und überschaubar. Aalborg hat sich in den letzten Jahren von einer Industriestadt zu einem überraschend lebendigen Zentrum des Nordens gewandelt. Und Esbjerg, die Hafenstadt im Westen, lebt von der Nordsee, vom Fischfang und von der Ölindustrie.

Rund 16,3 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, und der Großteil davon lebt in den Städten. Darunter etwa auch 35.000 bis 40.000 Deutsche, die denselben Schritt gewagt haben wie wir. Und rund 304.000 Menschen aus islamisch geprägten Ländern, ein Thema das die gesellschaftliche Debatte in Dänemark seit Jahren leidenschaftlich und kontrovers bestimmt und das Land in mancher Hinsicht tief gespalten hat.

Im flachen Land hingegen, in den kleinen Gemeinden Nordjütlands, in Orten wie Skagen, Strandby, Elling und Jerup, sieht die Welt anders aus. Ruhiger, überschaubarer, bodenständiger. Hier kennt man einander, hier hat die Folkekirken, die dänische Volkskirche, noch eine tragende Rolle im gesellschaftlichen Leben und gibt dem Alltag einen Rahmen, der weit über den sonntäglichen Gottesdienst hinausgeht.

Die Amtssprache in Dänemark ist Dänisch. In Südjütland allerdings hat Deutsch offiziell anerkannten Status als Minderheitensprache, ein lebendiges Echo der wechselvollen Grenzgeschichte zwischen beiden Ländern, das bis heute nachwirkt. Englisch beherrschen etwa 86 Prozent der Bevölkerung, was Dänemark zu einem der sprachlich zugänglichsten Länder macht und das Ankommen für Neuankömmlinge erheblich erleichtert.

Und hier, in diesem flachen, stillen, eigenwilligen Land, ist das Jantelov (dazu gibt es am Ende des Textes eine kleine Anmerkung) keine Theorie, sondern gelebter Alltag: niemand ist mehr als der andere, niemand stellt sich über die Gemeinschaft. Eine Haltung, die man als Neuankömmling erst lernen muss, die aber, einmal verstanden, vieles erklärt.

Und so schließt sich der Kreis. Badehotellet spielt nicht in der Stadt, nicht im Trubel, nicht im Wandel. Es spielt genau hier, an dieser Küste, in dieser Stille. Wer diese Gegend kennt, erkennt sie in jedem Bild wieder. Wer sie noch nicht kennt, bekommt eine Ahnung davon, was ihn erwartet. Und wer einfach nur einen Abend lang entschleunigen möchte, ist ebenfalls gut aufgehoben.

Die Serie läuft derzeit auf dem deutschen Sender One. Dort ist sie als Seaside Hotel bekannt. Auf Dänisch gesehen entfaltet sie ihren ganz eigenen Charme, aber auch auf Deutsch ist sie absolut sehenswert.

Anmerkung: Das Jantelov hat eine bemerkenswerte Doppelidentität, die oft übersehen wird. Formuliert wurde es von Aksel Sandemose, der 1899 im dänischen Nykøbing Mors geboren wurde, später nach Norwegen auswanderte und fortan auf Norwegisch schrieb. In seinem 1933 erschienenen Roman „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur” beschrieb er die zehn Regeln des Jantelov in einer fiktiven Stadt namens Jante, hinter der sich, wie Sandemose selbst offen zugab, seine dänische Geburtsstadt verbarg. Was er beschrieb, war die soziale Enge und die stille Kontrolle, die er in seiner dänischen Kindheit erlebt hatte: niemand soll glauben, er sei etwas Besonderes, niemand soll sich über die anderen stellen.

Heute gilt das Jantelov als universell skandinavisches Phänomen, in Norwegen und Schweden ist der Begriff ebenso fest im Sprachgebrauch verankert wie in Dänemark. Hier aber ist er besonders tief im kollektiven Selbstverständnis verwurzelt. Ein Begriff, der auf Norwegisch geschrieben wurde, aber auf Dänisch gedacht war.

Dänemark ist mehr als eine Küste und ein Lebensgefühl. Es ist ein Land mit 43.094 Quadratkilometern, bestehend aus der Halbinsel Jütland und über vierhundert benannten Inseln.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.