Gestern Abend waren wir auf einem wunderbaren Chorkonzert in der Kirche in Frederikshavn.
Auf dem Weg nach draußen drückte mir ein freundlicher Herr in schwedischer Tracht einen kleinen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand. Er sprach Schwedisch mit mir, lächelte mich freundlich an und ich war zunächst ehrlich gesagt etwas irritiert. Doch dann musste ich lachen, weil ich plötzlich verstand, worum es ging.
Eigentlich beschreibt diese kleine Begegnung den gesamten Abend schon ziemlich gut. Es war nicht einfach nur ein Konzert. Es war ein Abend voller Wärme, Gemeinschaft, Musik und skandinavischer Herzlichkeit.
Der renommierte Leksands kyrkokör aus Schweden war zu Gast in Frederikshavn und nahm das Publikum mit auf eine musikalische Reise durch die Klangwelt skandinavischer Kirchen- und Volksmusik. Die Kirche selbst, die Ende des 19. Jahrhunderts für eine damals schnell wachsende Stadt gebaut wurde heißt einfach nur Frederikshavn Kirke oder auch die große Kirche um sie von der älteren Fladstand Kirke zu unterscheiden. Schnell möchte ich noch einige interessante Details loswerden: Die Kirche wurde vom Architekten Vilhelm Ahlmann im romanischen Stil entworfen.
Ein markantes Merkmal ist der zentrale Turm, der 56,5 Meter hoch ist und von vier kleineren Seitenspiren flankiert wird. Das Gebäude ist als Kreuzkirche mit gleich langen Armen konzipiert und besteht aus hellem Kalkstein und gilt mit 1100 Sitzplätzen als eine der größten Kirchen Dänemarks. Das Gemälde „Christus und die Jünger am See Genezareth“ stammt von dem berühmten Skagen-Maler Michael Ancher. Interessanterweise ähnelt die Darstellung des Strandes eher der Küste von Skagen als dem biblischen See.
Und das Taufbecken zeigt einen knienden Engel, der eine Muschel trägt, und wurde aus einem einzigen Block Marmor gefertigt. Es war ein Geschenk eines in Frederikshavn geborenen Generalkonsuls aus St. Petersburg.
Schon beim Betreten der Kirche wurde also deutlich, dass dieser Abend etwas Besonderes werden würde. Die Sängerinnen und Sänger zogen in ihrer traditionellen Leksandsdräkt und brachten damit nicht nur Musik, sondern auch ein Stück schwedischer Kulturgeschichte nach Nordjütland.
Der Chor stammt aus der Gemeinde Leksand in der Region Dalarna, die in Schweden als eine der bedeutendsten Kulturlandschaften des Landes gilt. Viele verbinden Dalarna mit roten Holzhäusern, Mittsommerfesten, Volksmusik und tief verwurzelten Traditionen. Gerade dort haben sich Bräuche, Tänze und Trachten über Jahrhunderte besonders lebendig erhalten.
Die farbenprächtigen Trachten des Chores sind deshalb weit mehr als bloße Konzertkleidung. Die Leksandsdräkt gehört zu den ältesten und bekanntesten Volkstrachten Schwedens. Besonders faszinierend ist, dass Farben und Muster traditionell eng mit dem Kirchenjahr verbunden sind. Je nach Festzeit oder Anlass wurden unterschiedliche Varianten getragen. Dadurch wird die Kleidung selbst zu einem Ausdruck von Geschichte, Gemeinschaft und Glauben.
So entstand bereits optisch eine eindrucksvolle Verbindung zwischen Musik, Tradition und nordischer Identität, die den gesamten Abend prägte.
Unter der Leitung von Mikael Boström Eric’, der sich die musikalische Arbeit im Pastorat mit Fredrik Winberg teilt, präsentierte der Chor das Programm „Allt under himmelens fäste“ – auf Deutsch etwa „Alles unter dem Himmelszelt“.
Und genau so wirkte auch das Konzert: weit, offen, nordisch und gleichzeitig sehr persönlich.
Das Repertoire spannte einen beeindruckenden Bogen zwischen sakraler Chormusik, schwedischer Romantik, Volksliedern und modernen Arrangements. Anspruchsvolle europäische Kirchenmusik stand neben Werken von Hugo Alfvén, der eng mit Leksand verbunden war und als einer der bedeutendsten schwedischen Komponisten gilt.
Ebenso erklangen Werke von Benny Andersson, dem Mitbegründer der schwedischen Kultband ABBA. Besonders eindrucksvoll war dabei die Aufführung von „Anthem“ aus dem Musical Chess. Gerade solche Stücke verliehen dem Konzert eine spannende stilistische Offenheit und zeigten eindrucksvoll, wie selbstverständlich der Chor zwischen klassischer Chormusik, Folk-Tradition und moderner skandinavischer Popkultur wechseln konnte.
Besonders schön war dabei die Selbstverständlichkeit, mit der der Chor zwischen den musikalischen Welten wechselte. Mal klang die Musik feierlich und getragen, dann wieder leicht, fast tänzerisch. Auch moderne schwedische Volksweisen und überraschende Pop-Elemente fanden ihren Platz im Programm, ohne dabei den besonderen Charakter des Abends zu verlieren.
Dieser besondere Abend war jedoch nicht allein durch die musikalische Qualität geprägt, obwohl diese beeindruckend war. Es war vor allem die Wärme und Natürlichkeit, mit der der Chor sang.
Der Klangkörper wirkte ausgesprochen harmonisch und ausgewogen. Die Stimmen verschmolzen zu einem weichen, nordischen Gesamtklang, der die Zuhörer schnell in seinen Bann zog. Gleichzeitig blieb Raum für feine Dynamik, emotionale Nuancen und ruhige Momente.
Man konnte fühlen, dass hier Menschen gemeinsam Musik machen, die tief mit ihrer Tradition verbunden sind und diese mit echter Freude weitergeben möchten.
Gerade in einer Zeit, in der vieles schnelllebig geworden ist, wirken solche kulturellen Begegnungen besonders wertvoll. Der Abend zeigte eindrucksvoll, wie Musik Menschen und Länder verbinden kann, gerade in Skandinvien hat das Tradition.
Dazu passte auch eine herrlich sympathische Szene während des Konzerts: Chorleiter Mikael Boström Eric’ führte selbst durch den Abend und sprach dabei ganz selbstverständlich mit dem dänischen Publikum. Schließlich verstehen sich Schweden und Dänen meist erstaunlich gut, da die Sprachen eng verwandt sind und gerade im skandinavischen Raum wechselt man oft ganz natürlich zwischen ihnen hin und her. So führte uns Mikael also mal schwedisch, mal dänisch durch den Abend.
Umso lustiger war der Moment, als er plötzlich begann auf Englisch weiterzusprechen. Mitten im Satz hielt er inne, blickte lachend ins Publikum und sagte sinngemäß: „Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich jetzt plötzlich Englisch spreche.“ Die Kirche reagierte sofort mit herzlichem Lachen.
Der kurze Wechsel ins Englische war eigentlich überflüssig, zeigte aber sehr menschlich, dass man manchmal vergisst, wie nah sich die Sprachen eigentlich sind und wie unübersichtlich es hier oben am Dreiländereck mit den vielen Touristen manchmal zugeht. Auch ich habe mich das ein oder andere Mal schon dabei ertappt, dass ich Kauderwelsch (dän.: volapyk) rede.
Wer also dieses wunderbare Konzert in Frederikshavn verpasst hat, bekommt glücklicherweise noch eine weitere Gelegenheit: Der Leksands kyrkokör wird sein Programm auch in der schwedischen Seemannskirche in Skagen präsentieren.
Übrigens, erst ganz am Schluss verstand ich auch, warum mir der freundliche Herr am Ausgang seine Telefonnummer zugesteckt hatte: Er hatte gesehen, dass ich während des Konzerts einige Fotos und kleine Videos gemacht hatte und wollte sie unglaublich gerne bekommen.
Irgendwie passte auch das perfekt zu diesem Abend. Offen, herzlich und menschlich. Fast so, als würde man sich trotz unterschiedlicher Länder und Sprachen schon lange kennen. Und einen netten Kontakt für die nächste Reise nach Schweden haben wir auch