Hygge - viel mehr als Kerzenlicht
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Hygge - viel mehr als Kerzenlicht

Was bedeutet Hygge wirklich? Ein Auswanderer erklärt das dänische Konzept jenseits von Kerzen und Wolldecken.

Noch haben wir hier oben in Nordjütland ein wenig die Nase vorn.

Die Tage sind Mitte September bei uns noch etwas länger als weiter südlich. Abends hält sich das Licht noch erstaunlich lange, und manchmal kann man fast vergessen, wie schnell sich das ändern wird.

Denn der Norden kann Licht!

Im Sommer scheint es manchmal, als wolle der Tag überhaupt nicht zu Ende gehen. Noch spät am Abend liegt dieses besondere nordische Licht über den Feldern, über dem Meer und über unserem Garten. Man schaut auf die Uhr und wundert sich, dass es schon so spät ist.

Aber der Norden kann eben auch das Gegenteil ...

Dunkelheit.

Und zwar richtig.

Es dauert nicht mehr lange, dann wird das Tageslicht von Woche zu Woche spürbar weniger. Irgendwann kommt die Zeit, in der es am Nachmittag gegen vier Uhr bereits dunkel ist. Morgens sitze ich dann mit meinem Kaffee da, schaue aus dem Fenster und draußen ist ebenfalls noch Nacht.

Als wir nach Dänemark gezogen sind, dachte ich, dass mir genau das schwerfallen würde.

Diese langen dunklen Monate.

Heute sehe ich sie anders.

Vielleicht auch deshalb, weil ich inzwischen ein Wort besser verstanden habe, das wohl kaum ein anderes so sehr mit Dänemark verbindet:

Hygge.

Und nein: Hygge bedeutet nicht Kerzenlicht

Wenn man außerhalb Dänemarks nach „Hygge“ sucht, könnte man manchmal meinen, die Dänen hätten irgendwann beschlossen, möglichst viele Kerzen anzuzünden, sich eine Wolldecke über die Beine zu legen, einen Becher Kakao in beide Hände zu nehmen und daraus eine nationale Philosophie zu machen.

Kerzen.

Kissen.

Wolldecken.

Kaminfeuer.

Wollsocken.

Eine hübsche Tasse Tee.

Alles sehr schön.

Und all das kann hyggeligt sein.

Aber es ist nicht Hygge.

Eine Kerze erzeugt genauso wenig Hygge, wie ein schön gedeckter Tisch automatisch einen schönen Abend erzeugt.

Das Interessante beginnt erst dahinter.

Was bedeutet Hygge eigentlich?

Das dänische Wörterbuch beschreibt at hygge sinngemäß als das Erleben oder Schaffen einer angenehmen, sicheren und entspannten Atmosphäre.

Und das kommt der Sache schon sehr viel näher.

Denn Hygge beschreibt nicht in erster Linie einen Gegenstand.

Es beschreibt eine Atmosphäre zwischen Menschen.

Man kann zusammen essen und hygge haben.

Man kann auf einer Parkbank sitzen.

Man kann im Sommer mit Freunden am Strand grillen.

Man kann morgens zusammen Kaffee trinken.

Man kann nachmittags in der Küche stehen und reden.

Man kann einen Abend verbringen, an dem niemand etwas Besonderes unternimmt und hinterher sagen:

„Det var hyggeligt.“

Es war hyggelig.

Und jeder weiß, was gemeint ist.

Nicht: Die Dekoration war schön.

Sondern:

Es war gut, miteinander dort zu sein.

Hygge ist ein kleiner Schutzraum

Je länger wir in Dänemark leben, desto mehr habe ich den Eindruck, dass genau darin etwas sehr Dänisches steckt.

In einer wirklich hyggeligen Situation muss niemand etwas beweisen.

Für einen Moment kann man die Rüstung ablegen.

Es spielt keine große Rolle, welchen Beruf jemand hat, wie erfolgreich er ist, was er besitzt oder wie wichtig er sich außerhalb dieses Moments vielleicht fühlt.

Man sitzt miteinander am Tisch.

Oder am Strand.

Oder irgendwo mit einer Tasse Kaffee.

Und für diese Zeit reicht das vollkommen aus.

Niemand muss gewinnen.

Niemand muss beeindrucken.

Niemand muss besser sein als der andere.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich Hygge so schwer übersetzen lässt.

Das deutsche Wort Gemütlichkeit trifft einen Teil davon; aber eben nur einen Teil.

Denn ein Zimmer kann gemütlich sein.

Ein Sessel kann gemütlich sein.

Ein Kamin kann Gemütlichkeit ausstrahlen.

Hygge geht darüber hinaus.

Es hat etwas mit der Art zu tun, wie Menschen miteinander sind.

Hygge heißt auch: Wir sorgen gemeinsam dafür

Hygge ist selten eine Ein-Mann-Veranstaltung.

Natürlich kann ich es mir allein hyggelig machen. Ich kann ein Buch lesen, Musik hören, Kaffee trinken und einen ruhigen Nachmittag genießen.

Aber besonders deutlich wird Hygge in Gemeinschaft.

Und dabei gibt es etwas, das sich schwer in Regeln fassen lässt.

Alle tragen ein bisschen dazu bei.

Niemand drängt sich ständig in den Mittelpunkt. Niemand macht aus einem entspannten Abend einen Wettbewerb. Niemand muss zeigen, dass sein Leben größer, besser oder aufregender ist.

Man teilt.

Nicht nur das Essen oder den Kaffee.

Man teilt den Moment.

Und vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied:

Bei Hygge geht es nicht darum, unterhalten zu werden.

Es geht darum, miteinander eine gute Zeit entstehen zu lassen.

Für einen Moment muss nichts passieren

Vielleicht ist das für uns heute sogar der ungewöhnlichste Teil von Hygge.

Wir sind es gewohnt, ständig etwas zu tun.

Etwas erledigen.

Etwas verbessern.

Etwas planen.

Etwas erreichen.

Selbst unsere Freizeit wird manchmal zum Projekt.

Noch schnell hierhin fahren. Das anschauen. Jenes erleben. Ein Foto machen. Etwas posten. Den nächsten Punkt abhaken.

Hygge stellt eine erstaunlich einfache Idee dagegen:

Jetzt muss überhaupt nichts passieren.

Dieser Moment braucht kein Ergebnis.

Ein Kaffee muss nirgendwohin führen.

Ein Gespräch muss kein Problem lösen.

Ein Abend muss nicht spektakulär sein.

Es darf einfach gut sein, dort zu sitzen.

Vielleicht ist Hygge deshalb auch eine Form von Gegenwärtigkeit.

Nicht im esoterischen Sinne.

Sondern ganz praktisch:

Wir sind jetzt hier. Und das reicht.

Und was hat das mit Dänemark zu tun?

Natürlich können Menschen überall auf der Welt gemütlich zusammensitzen.

Hygge ist keine magische Fähigkeit, die man erst an der dänischen Grenze erhält.

Und trotzdem scheint der Begriff hier besonders gut in die Kultur zu passen.

Dänemark ist stark von einem Gleichheitsgedanken geprägt. Große Statusunterschiede werden im täglichen Umgang häufig weniger betont. Dazu kommt ein vergleichsweise hohes gesellschaftliches Vertrauen.

Beides schafft etwas, das für Hygge wichtig ist:

Sicherheit.

Denn entspannen kann man sich besonders gut dort, wo man nicht ständig darüber nachdenken muss, wie man wirkt.

Wo man nicht auf der Hut sein muss.

Wo man nicht beweisen muss, dass man dazugehört.

Man könnte Hygge deshalb beinahe als einen kleinen gesellschaftlichen Vertrag beschreiben:

Für diese Zeit machen wir das Leben ein wenig weicher.

Wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Wir sorgen füreinander.

Und wir lassen den Alltag draußen ein bisschen schärfer sein, als er hier drinnen sein muss.

Und dann kommen doch wieder die Kerzen

Und genau hier bekommen die berühmten Kerzen plötzlich ihren richtigen Platz.

Wenn es draußen um vier Uhr dunkel wird und der Wind ums Haus zieht, dann zünden natürlich auch wir gerne Kerzen an.

Nicht weil ohne Kerzen keine Hygge möglich wäre.

Sondern weil Licht etwas mit einem Raum macht.

Ein kleines warmes Licht kann sagen:

Hier ist es angenehm.

Hier bleiben wir ein bisschen.

Hier müssen wir gerade nirgendwohin.

Aber die Kerze ist nur die Kulisse.

Die Hygge sitzt nicht auf dem Tisch.

Sie sitzt zwischen den Menschen, die darum herum sitzen.

Und vielleicht kann man den dänischen Winter genau deshalb irgendwann sogar ein bisschen lieben lernen.

Draußen ist es dunkel.

Drinnen steht vielleicht eine Tasse Kaffee.

Vielleicht brennt eine Kerze, vielleicht aber auch nicht.

Und vielleicht sitzt man einfach zusammen und redet über vollkommen belanglose Dinge.

Niemand muss irgendwohin.

Niemand muss etwas leisten.

Niemand muss jemand anderes sein.

Und irgendwann sagt einer:

„Hvor er det hyggeligt.“

Wie hyggelig es hier ist.

Und plötzlich versteht man, dass dieses kleine dänische Wort viel größer ist als Kerzen, Wolldecken und Kaminfeuer.

Hygge ist keine Dekoration.

Hygge ist die gemeinsame Erlaubnis, dass es für einen Moment einfach gut sein darf, wie es ist.

Hygge ist die gemeinsame Erlaubnis, dass es für einen Moment einfach gut sein darf, wie es ist.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.