Am letzten Donnerstag war es wieder so weit: unser alljährlicher Ausflug nach Grenå.
Dieser Tag ist inzwischen zu einem kleinen Feiertag in unserem Kalender geworden. Zu einem dieser Tage, auf die man sich nicht erst morgens freut, wenn man ins Auto steigt, sondern eigentlich schon lange vorher. Man weiß, er kommt wieder, und allein der Gedanke daran macht schon Wochen vorher gute Laune.
Und trotzdem war es diesmal fast ein wenig merkwürdig. Das vergangene Jahr war so ausgefüllt mit Arbeit, meinen Touren, Begegnungen, Unternehmungen und all den Dingen, die unser Leben hier in Dänemark inzwischen bestimmen, dass es uns tatsächlich vorkam, als sei es gerade erst gestern gewesen, dass wir unsere liebe Dorte zuletzt in ihrem Sommerhäuschen bei Grenå besucht hatten.
Dabei war wieder ein ganzes Jahr vergangen.
Dorte war unsere Dänischlehrerin in Karlsruhe. Damals saßen wir bei ihr und lernten diese Sprache, ohne zu ahnen, welche Bedeutung sie einmal für unser Leben haben würde. Und noch viel weniger hätten wir uns wohl vorstellen können, dass aus diesem Unterricht irgendwann eine Freundschaft entstehen würde, die uns viele Jahre später bis nach Dänemark begleiten sollte.
Heute ist Dorte längst nicht mehr einfach unsere frühere Dänischlehrerin. Sie ist ein wichtiger Mensch in unserem Leben geworden.
Und deshalb beginnt dieser besondere Tag für uns eigentlich schon mit der Fahrt zu ihr. Dabei passiert jedes Mal etwas, das wir früher wahrscheinlich selbst ein wenig belächelt hätten: Unser Herz macht einen kleinen Aussetzer, wenn wir Vendsyssel verlassen.
Sobald wir durch den Tunnel unter dem Limfjord fahren und auf der anderen Seite wieder auftauchen, verlassen wir nämlich tatsächlich unsere Insel.
Viele wissen gar nicht, dass der Norden Jütlands geografisch gesehen eine Insel ist. Vendsyssel-Thy war früher fest mit dem übrigen Jütland verbunden. Erst eine gewaltige Sturmflut im Februar 1825 durchbrach bei Agger im Westen die schmale Landzunge zur Nordsee. Dadurch bekam der Limfjord eine offene Verbindung zwischen Nordsee und Kattegat, und der gesamte nördliche Teil Jütlands wurde vom übrigen Festland getrennt.
Seitdem leben wir also, streng genommen, auf einer Insel.
Im Alltag denkt man darüber natürlich kaum nach. Es gibt Brücken, Tunnel, Straßen und Eisenbahnverbindungen, und man fährt einfach hinüber. Aber für uns hat dieser Moment inzwischen tatsächlich etwas Besonderes bekommen.
Wenn wir Vendsyssel verlassen, fühlt es sich für einen kurzen Augenblick so an, als würden wir unser Zuhause verlassen. So sehr sind wir mittlerweile mit diesem Teil Dänemarks verbunden. Mit Frederikshavn, Strandby und Skagen, mit dem Wind, dem Licht, der Weite und diesem ganz besonderen Norden.
Aber dieses kleine wehmütige Gefühl hält nicht lange an, denn die Vorfreude auf Dorte sitzt längst mit im Auto. Kilometer um Kilometer geht es auf der E45 Richtung Süden. Aalborg bleibt hinter uns, später Randers, und irgendwann biegen wir von der großen Straße ab und fahren hinaus Richtung Djursland und Grenå.
Und dort verändert sich die Landschaft. Alles wird ländlicher und ruhiger. Der Verkehr nimmt ab, die Straßen werden kleiner, Heuwagen sind unterwegs, links und rechts liegen abgeerntete Felder, und zwischen Bäumen und Wiesen blitzen kleine Höfe und Häuser hervor. Plötzlich ist der Trubel der dänischen „Großstädte“ Aalborg und Randers weit weg.
Je weiter wir Richtung Grenå fahren, desto mehr verändert sich auch das Licht. Es ist schwer zu erklären, aber wir glauben inzwischen tatsächlich zu spüren, wann wir uns wieder dem Meer nähern.
Die Wolkenformationen werden anders, der Himmel wirkt weiter und höher, das Blau heller und offener. Irgendwann beginnt der Himmel fast mit der Landschaft zu verschmelzen. Man sieht das Meer noch gar nicht. Aber man weiß irgendwie schon, dass es nicht mehr weit sein kann.
Und auf diesen letzten Kilometern bekommt die Vorfreude noch einmal eine ganz eigene Qualität. Sie ist natürlich die ganze Fahrt über da, aber nun kommt dieses Kribbeln dazu, dieses Gefühl: Gleich sind wir da.
Und dann kommt auch gleich dieses wunderbare Hallo. Als wir über das kleine Brückchen beim Kattegatcenter fuhren und die letzten Meter zurücklegten, konnten wir Dorte schon von Weitem sehen. Sie stand am Gartentor und wartete auf uns.
Am liebsten wäre ich aus dem fahrenden Auto gesprungen. Kaum standen wir, gab es kein Halten mehr. Wir fielen uns in die Arme, drückten uns, hielten uns fest, und in diesem einen Augenblick war das ganze Jahr dazwischen einfach verschwunden. Es war, als wäre kein einziger Tag vergangen. Und genau das ist vielleicht eines der schönsten Dinge an einer wirklichen Freundschaft: Man muss nichts wieder aufnehmen, nichts vorsichtig neu beginnen und nicht erst schauen, wo man eigentlich stehen geblieben ist. Man ist einfach sofort wieder miteinander verbunden.
So begann wieder einer dieser wunderbaren Tage bei Dorte in ihrem Häuschen direkt am Hafen von Grenå. Wir saßen zusammen und erzählten. Von dem, was im vergangenen Jahr geschehen war, von unseren Erlebnissen, von Menschen, die wir neu kennengelernt hatten, und von Menschen, die wir alle miteinander kennen. Alte Geschichten kamen wieder hervor, neue wurden erzählt, und natürlich gab es auch all das, was man nur mit Menschen bespricht, bei denen man sich wirklich aufgehoben fühlt.
Es gab so viel nachzuholen, so viel zu berichten und so viel miteinander zu teilen. Und irgendwann lagen Lachen und Weinen wieder ganz dicht beieinander. Wir haben uns in den Armen gelegen, gelacht, waren gerührt und haben uns an Dinge erinnert, die uns miteinander verbinden. Vielleicht ist genau das das Schöne an einer Freundschaft, die über Jahre gewachsen ist: Man darf alles mitbringen. Das Leichte und das Schwere. Das Lustige und das Traurige. Das Alte und das Neue.
Natürlich durfte auch eine andere Tradition nicht fehlen. Wie jedes Jahr servierte uns Dorte ihren wunderbaren Stjerneskud, und selbstverständlich gab es auch wieder das herrliche Gebäck aus der örtlichen Konditorei. Es sind diese kleinen Dinge, die irgendwann zu einem festen Bestandteil solcher Tage werden. Man sitzt zusammen, isst, erzählt, schaut hinaus Richtung Hafen, steht zwischendurch auf, holt noch etwas aus der Küche, beginnt die nächste Geschichte und merkt irgendwann, dass man sich dort längst nicht mehr wie ein Gast fühlt.
Bei Dorte fühlt es sich einfach vertraut an. Vielleicht freuen wir uns deshalb jedes Jahr so sehr auf diesen Tag. Es ist nicht nur Grenå. Es ist nicht nur ihr Sommerhäuschen am Hafen. Es ist nicht der Stjerneskud und auch nicht das Gebäck aus der Konditorei. Es ist dieses Gefühl, bei einem Menschen anzukommen, bei dem man sich nicht erklären muss. Und wie jedes Jahr verging auch dieser Nachmittag wieder viel zu schnell.
Gerade hatte man noch das Gefühl, der ganze Tag liege vor einem, und plötzlich wurde das Licht draußen weicher, der Nachmittag ging langsam in den Abend über und man wusste: Eigentlich müssten wir bald wieder fahren. Natürlich versucht man diesen Moment noch ein wenig hinauszuschieben. Noch eine Geschichte. Noch ein Satz. Noch eine Umarmung. Und irgendwann muss man dann doch Abschied nehmen.
Wir fuhren zurück durch diese wunderschöne Gegend von Djursland, die wir mittlerweile ebenfalls kennen und lieben gelernt haben. Vorbei an Feldern, kleinen Dörfern und Höfen, wieder Richtung Randers, zurück auf die E45 und schließlich wieder nach Norden.
Und während wir zurückfuhren, war eigentlich schon klar: Auch im nächsten Jahr wird dieser Tag wieder seinen festen Platz in unserem Kalender haben. Unser kleiner Feiertag. Unser Grenå-Tag.