Befrielsesaften
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Ein Besuch beim Alsang-Abend in der Kirche von Strandby zeigt, wie Dänemark Geschichte und Gegenwart verbindet - durch Musik, das Frihedsbudskabet und die symbolische Kerze im Fenster.

Wenn am Abend des 4. Mai die Sonne über Dänemark sinkt, stellen die Menschen eine Kerze ins Fenster. Es ist ein Zeichen welches jeder versteht, ein Zeichen, das das ganze Land verbindet.

Es ist in Zeichen dafür, dass die Verdunkelung zu Ende ist. Dass wieder Licht scheinen darf.

In diesem Jahr führte mich diese landesweite Tradition in die Kirche von Strandby zu einem Abend, der die Grenze zwischen historischem Gedenken und persönlicher Identität auf eine Weise vermischte, die ich so nicht erwartet hatte.

Was wir in der Kirche erlebten, war ein klassischer Alsang-Abend. Es geht dabei um nichts Geringeres als das schlichte, kraftvolle Erleben von Gemeinschaft durch die Musik. Doch dieser Abend hatte eine ganz klare Ausrichtung: Jedes einzelne Lied im Programm erzählte von einem gewaltigen Umbruch.

Es ging um den Moment, in dem der Winter dem Frühling weicht und gleichzeitig der Krieg dem Frieden. In Dänemark sind diese beiden Ereignisse durch den Mai 1945 untrennbar miteinander verwoben. Wenn man Lieder wie „En lærke letted“ oder „Se det summer af sol“ singt, dann spürt man diesen doppelten Aufbruch. Es ist die Schilderung einer Welt, die sich von einer Sekunde auf die andere dreht: Gestern war noch die Enge und Dunkelheit des Winters und des Krieges, und plötzlich ist alles Licht und Neuanfang.

Diese Lieder sind keine Museumsstücke; sie transportieren das Gefühl, wie es ist, wenn eine schwere Last abfällt und das Leben wieder Platz greift.

Der Rytmiske Kor führte durch diese Stimmungen, von der ersten Frage nach der Hoffnung („Du spør mig om håbet“) bis hin zu den großen Frühlingsbildern. Es war eine musikalische Vorbereitung auf das, was kommen musste. Denn so hell der Gesang auch war, er brauchte den Anker der Realität, um seine volle Bedeutung zu entfalten.

Der Übergang von der Musik zur Geschichte kam fast schlagartig: Das Singen verstummte und die Kirche wurde von einem Geräusch erfüllt, das jeder hier sofort erkennt: das statische Knistern einer alten Rundfunkleitung. Es war das „Frihedsbudskabet“. Die Originalaufnahme der BBC vom Abend des 4. Mai 1945.

In diesem Moment wurde die Musik zur Kulisse für die nackte historische Wahrheit. Man hörte das Rascheln von Manuskripten, das kurze Innehalten des Sprechers Johannes G. Sørensen und schließlich die Worte: „I dette øjeblik meddeles det...“ (In diesem Augenblick wird mitgeteilt...).

Es ist die akustische Schwelle dieses Abends. Während wir eben noch über die aufsteigende Lerche gesungen hatten, holte uns diese Stimme direkt in den Moment zurück, in dem die Freiheit zur Gewissheit wurde. Es war der Moment, in dem das Gedenken an die Toten und die Feier des Lebens unmittelbar aufeinandertrafen.

Als die Stimme aus dem Lautsprecher verstummte, blieb eine Stille zurück, die fast physisch greifbar war. In diesem Moment der Besinnung wurde mir die historische Dimension unseres Zusammenseins erst richtig bewusst. Ich blickte in die Gesichter der Menschen in den Kirchenbänken und sah dort Nachbarn, Kollegen und Freunde.

Doch die Aufnahme hatte eine unbequeme Wahrheit in den Raum gestellt: Vor 81 Jahren wären wir uns in diesem Kontext als Feinde begegnet. Dass wir heute hier sitzen, gemeinsam dieselben Lieder singen und dieselbe Freiheit feiern, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis einer tiefgreifenden Versöhnung, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Zu spüren, dass die Welt so zusammengewachsen ist, dass alte Fronten keine Rolle mehr spielen, war für mich der bewegendste Moment des Abends.

Direkt nach dieser geschichtlichen Zäsur stimmten wir eines der wichtigsten Lieder des Abends an: „I Danmark er jeg født“ (In Dänemark bin ich geboren) in der Fassung von Sebastian. Es ist ein Lied, das eine enorme Kraft entfaltet, wenn eine ganze Gemeinde einstimmt. Als ich die Zeilen mitsang, die Worte über die Muttersprache und das Vaterland, spürte ich einen tiefen, ehrlichen Wunsch in mir: Ich wünschte, es wäre tatsächlich so gewesen. Dass diese Sprache meine Muttersprache wäre und dieses Land meine erste Heimat.

In diesem Augenblick verschmolz das Gefühl der Zugehörigkeit mit der Wehmut darüber, dass man sich Heimat manchmal erst später im Leben mühsam, aber dafür umso bewusster erarbeiten muss.

Im Anschluss an den Gesang begrüßte uns der Pastor. Er fand Worte, die den Bogen von der Geschichte ins Heute schlugen. Er sprach davon, dass wir später zu Hause die Kerzen in die Fenster stellen, eine Tradition, die weit über das Dekorative hinausgeht. Es ist ein aktives Gedenken daran, dass wir alles dafür tun müssen, damit man uns „nicht wieder ins Dunkle setzt“.

Dieses Thema zog sich durch den restlichen Teil des Programms. Lieder wie „Lyset bliver natteblåt“ und das abschließende Abendlied „Du som har tændt“ verstärkten dieses Gefühl der Geborgenheit. Es war ein gemeinsames Versprechen, das Licht - im übertragenen wie im wörtlichen Sinne - zu bewahren.

Der feierliche Teil endete wie immer in Dänemark: mit Gemeinschaft und gutem Essen. Wir wechselten von der Kirche hinüber ins Gemeindezentrum, wo die Atmosphäre sofort gelöster wurde.

Dort wartete der traditionelle Dannebrogslagkage auf uns. An den langen Tischen, bei Kaffee und dieser rot-weißen Torte, fand das statt, was man wohl die „praktische Versöhnung“ nennen könnte. Wir saßen dort als Chor, als Gemeinde, als Nachbarn. In den Gesprächen spielte es keine Rolle mehr, wer woher kam oder was vor 81 Jahren geschehen war.

Dieser Übergang vom schweren Gedenken in der Kirche hin zur unbeschwerten „Hygge“ im Gemeindezentrum zeigt, was Dänemark so besonders macht: Man ehrt die Toten und die Geschichte mit großem Ernst, aber man feiert das Leben und die Freiheit unmittelbar danach mit größter Freude. Wer gemeinsam das Brot, in diesem Falle die Torte teilt, ist kein Fremder mehr.

Heute Nacht brennen die Kerzen in den Fenstern von Strandby, Elling und ganz Dänemark. Und in einem dieser Fenster brennt ein Licht, das für mich heute eine ganz neue Bedeutung bekommen hat. Ein Licht für die Erinnerung, die Freiheit, die Freundschaft und für das Wissen, am richtigen Ort angekommen zu sein.

Zu spüren, dass die Welt so zusammengewachsen ist, dass alte Fronten keine Rolle mehr spielen, war für mich der bewegendste Moment des Abends.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.