Überleben? Es ist nur Winter...
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Überleben? Es ist nur Winter...

Ein Plädoyer gegen die Dramatisierung des dänischen Winters und die Romantisierung von Begriffen wie hygge. Die Realität ist viel weniger spektakulär, aber auch viel menschlicher.

Überleben? Es ist nur Winter...

13. Dezember 2025

„Den Winter in Dänemark überleben“ Neulich bin ich über diese Formulierung gestolpert. Und sie hat mich ehrlich gesagt irritiert.

Was soll das heißen, den Winter überleben? Als wäre Dänemark ein lebensfeindlicher Ort, den man nur mit Spezialausrüstung und eiserner Disziplin durchsteht.

Dabei reicht ein kurzer Blick auf die Landkarte, um das Absurde daran zu erkennen.

Flensburg liegt direkt an der dänischen Grenze. Tønder nur wenige Kilometer dahinter. Glaubt ernsthaft jemand, das Wetter ändere sich dort schlagartig? Leben die Menschen in Flensburg anders, kommen sie anders durch den Winter als ihre Nachbarn in Süddänemark?

Und wenn man schon vergleicht: Wie groß sind die Unterschiede wirklich – zwischen Flensburg und München etwa? Da sprechen wir von ganz anderen klimatischen Voraussetzungen, ohne dass jemand davon redet, den bayerischen Winter „überleben“ zu müssen.

Auch beim Thema Dunkelheit lohnt sich ein genauerer Blick.

In der letzten Woche des Dezembers, rund um die längste Nacht, und in der Woche danach sind es hier oben im äußersten Norden Dänemarks gerade einmal etwa eine Stunde und zwanzig Minuten, in denen es länger dunkel ist als zum Beispiel in Heidelberg in Baden-Würtemberg. Mehr nicht.

Dafür ist das Wetter hier deutlich gemäßigter. Ich habe hier im Winter nicht diese schwere, feuchte Luft, die mir fast den Atem nimmt. Nicht dieses permanente Gefühl, dass alles klamm ist... Kleidung, Wände, Gedanken... Das kenne ich aus anderen Gegenden sehr viel stärker.

Solche Formulierungen wie „den Winter überleben“ leben von Überzeichnung und Dramatisierung. Sie erzeugen Bilder, die mit der Realität wenig zu tun haben. Der dänische Winter ist grau, oft windig, manchmal nass - stimmt. Aber er ist kein Extremzustand. Er ist Alltag. Für Millionen von Menschen. Übrigens in ganz Europa...

Auch die Lichtverhältnisse werden in diesem Zusammenhang gern bemüht.

Morgens im Dunkeln aufstehen, abends im Dunkeln aus dem Büro kommen... als wäre das eine dänische Besonderheit... Dabei erleben das nicht nur zugewanderte Deutsche hier, sondern Menschen in sehr vielen Regionen Deutschlands und überall auf der Welt, sobald Winter ist. Auch das Thema Vitamin D wird oft so dargestellt, als sei es eine nordische Notmaßnahme. Dabei ist es in Deutschland längst völlig normal, im Winter Vitamin D einzunehmen – als Tablette, Kapsel oder Tropfen.

Und ja, auch dort kennen viele Menschen den sogenannten Winterblues. Ich komme aus Rheinland-Pfalz. Und auch dort gibt es ihn. Diese Tabletten lösen das Problem nicht vollständig, das tun sie hier genauso wenig wie dort.

Aber interessant ist etwas anderes: Hier, im äußersten Norden Dänemarks, habe ich ehrlich gesagt gar keine Zeit, mich auf einen Winterblues einzulassen! Nicht, weil es heller wäre. Sondern weil hier ständig etwas los ist.

So vieles wird gemeinsam gemacht, dass man, sofern man sich integriert hat, kaum Raum findet, sich zurückzuziehen und in schlechte Gedanken zu versinken. Fast ist es manchmal sogar ein bisschen zu viel. Frauen-Kaffeekränzchen, Strickverein, Chor, Handball, Zumba, Winterbaden und immer wieder neue Gelegenheiten, Menschen zu treffen, Gemeinschaft zu erleben, zusammen etwas zu tun. Diese Form von Gemeinschaft erlebe ich hier sehr viel stärker, als ich sie aus Deutschland kenne.

Und das Bemerkenswerte ist: Wenn man einmal nicht kommt, bleibt das nicht unbemerkt. Dann fragt jemand nach. Ob alles in Ordnung ist. Das ist keine Romantisierung.

Es ist gelebter Alltag.

Und vielleicht erklärt genau das auch ein weiteres Wort, das im Zusammenhang mit Dänemark so gern inflationär gebraucht wird: hygge.

Überall heißt es, man müsse es sich „hygge einrichten“, alles müsse „hygge aussehen“. Kerzen, Decken, Farben, Wohntrends, als ließe sich Wohlbefinden dekorieren. Dabei verfehlt das den Kern völlig. Hier in Dänemark hyggen wir uns. Wir machen es uns gemütlich, damit es uns gut geht, damit wir uns wohlfühlen. Das hat wenig mit Trends zu tun und gar nichts mit Zeitschriften. Es ist kein Stil, sondern eine Haltung. Und vor allem: etwas Gemeinsames.

Vielleicht liegt genau darin das große Missverständnis. Man versucht, Lebensrealitäten in Schlagworte zu pressen. Winter wird zur Prüfung, hygge zur Kulisse. Beides wird dadurch kleiner und falscher, als es ist.

Denn weder muss man den dänischen Winter überleben, noch braucht man eine Anleitung, um sich wohlzufühlen.

Man lebt einfach. Auch im Winter.

Man versucht, Lebensrealitäten in Schlagworte zu pressen. Winter wird zur Prüfung, hygge zur Kulisse. Beides wird dadurch kleiner und falscher, als es ist.

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Christine Rentschler Skagen Tourguide · Autorin · Abenteurerin

Ich schreibe von meinem neuen Leben am nördlichsten Zipfel Dänemarks.