Dankbarkeit
Gestern war Pfingstmontag.
Eigentlich hatte ich frei. Deshalb führte mich der Weg nach Strandby in die Kirche. Michael spielte Akkordeon, begleitet von unserer Organistin und Chorleiterin Anne und von der wunderbaren Amalie aus unserem rhythmischen Chor. (rytmisk kor)
Es war ein schöner Gottesdienst. Aber geblieben ist mir vor allem das Postludium.
Das Lied heißt „Dankbarkeit“.
"Taknemmelig"
Seitdem begleitet es mich.
Gestern durch den ganzen Tag. Heute Morgen noch intensiver.
Manchmal gibt es Lieder, die hört man. Und manchmal gibt es Lieder, die öffnen eine Tür in einem selbst. Dieses Lied hat genau das getan.
Amalie sang mit einer Wärme und Ehrlichkeit, die unmittelbar berührt. Ihre Stimme transportierte nicht nur einen Text. Sie transportierte ein Gefühl. Dankbarkeit wurde hörbar.
Vielleicht hat mich das Lied deshalb nicht mehr losgelassen.
Gestern Abend telefonierte ich fast zwei Stunden mit meiner lieben Freundin Judith. Seit über vierzig Jahren begleiten wir uns durch unser Leben. Als wir uns kennenlernten, hatten wir beide noch nicht einmal einen Führerschein. Seitdem liegen Jahrzehnte voller gemeinsamer Erinnerungen zwischen uns.
Wir haben einander wachsen sehen, scheitern sehen, neu anfangen sehen.
Manchmal finden wir die richtigen Worte füreinander.
Und manchmal brauchen wir sie gar nicht.
Dann verstehen wir uns einfach.
Auch dafür kann man dankbar sein.
Während unseres Gesprächs schickte ich Judith den übersetzten Liedtext und das Video, das ich in der Kirche aufgenommen hatte. Als ich es noch einmal ansah, zog mich dieses Gefühl erneut hinein.
Dankbarkeit.
Nicht als großes Wort.
Sondern als etwas ganz Einfaches.
Etwas, das man spürt.
Vielleicht ist genau das etwas, das ich in Dänemark besonders schätzen gelernt habe.
Hier begegnet mir dieses Gefühl immer wieder in der Musik.
Viele alte Salmen finden ihren Weg in moderne Popmusik. Gleichzeitig werden Rock- und Popsongs zu Salmen und finden ihren Platz in Kirchen und Gesangbüchern.
Musik gehört hier nicht nur auf die Bühne.
Sie gehört mitten ins Leben.
Gefühle dürfen gezeigt werden.
Freude.
Trauer.
Sehnsucht.
Liebe.
Dankbarkeit.
Und genau das war gestern in der Kirche spürbar.
Als das Lied verklungen war, standen wir später noch im Gemeindezentrum zusammen. Es gab Kaffee und Kekse, wie immer nach dem Gottesdienst. Die Gemeindemitglieder kamen ins Gespräch. Einige hatten Tränen in den Augen. Andere lächelten still.
Jeder hatte etwas anderes gehört.
Etwas anderes gefühlt.
Und doch waren wir alle durch dasselbe Gefühl verbunden.
Dankbarkeit.
Besonders berührt hat mich dabei die Begegnung mit einem Mann, den ich zuvor noch nie bewusst wahrgenommen hatte.
Er bedankte sich bei uns.
Nicht für einen einzelnen Auftritt.
Nicht für ein bestimmtes Lied.
Sondern dafür, dass wir hierhergekommen sind.
Dafür, dass wir unsere Talente mit der Gemeinde teilen.
Ich glaube nicht, dass jemals zuvor jemand zu mir gesagt hat:
„Ich bin dankbar, dass du deine Talente mit uns teilst.“
Diese Worte haben lange in mir nachgeklungen.
Vielleicht deshalb, weil sie viel mehr meinten als Musik.
Denn als wir vor fast drei Jahren nach Dänemark kamen, waren wir Fremde.
Wir mussten lernen.
Zuhören.
Verstehen.
Uns orientieren.
Wir haben versucht, die Kultur kennenzulernen und Teil dieser Gemeinschaft zu werden.
Und dabei wurden wir nicht allein gelassen.
Viele Menschen haben uns die Hand gereicht.
Sie haben uns eingeladen.
Uns geholfen.
Uns begleitet.
Manchmal denke ich, einige Mitglieder dieser Gemeinde haben für uns die Rolle von Onkeln und Tanten übernommen.
Sie haben uns an die Hand genommen und uns gezeigt, wie das Leben hier funktioniert.
Dafür bin ich bis heute dankbar.
Vielleicht sind wir inzwischen ein Stück weiter.
Keine Neuankömmlinge mehr.
Nicht mehr die Fremden von damals.
Aber auch noch nicht ganz angekommen.
Vielleicht eher Jugendliche auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden.
Wir schwimmen uns langsam frei.
Wir gehen eigene Schritte.
Und wir versuchen, etwas von dem zurückzugeben, was wir selbst bekommen haben.
Vielleicht meinte dieser Mann genau das.
Vielleicht war er dankbar dafür.
Und ich?
Ich bin dankbar, dass man uns sieht.
Dass wir dazugehören dürfen.
Dass wir angenommen sind.
Und dass ein Lied manchmal ausreicht, um uns all das wieder bewusst zu machen.
Und wer dieses Lied nochmal hören möchte, und einige andere dazu ist herzlich eingeladen, zu unserem Sommerkonzert in der Strandby Kirche. Am Mittwoch, den 3. Juni 2026 um 19:00 Uhr
Vi ses
Und hier der Text des Liedes:
Dankbar
Dankbar für den Tag, wie er kommt, den neuen Strom erfüllter offener Stunden, dankbar für all jene, die du uns geschenkt hast, und für den Atem, den wir auf Zeit empfangen durften, dankbar, weil du Wege zeigst, die wir empfangen und empfangen und niemals selbst besitzen müssen.
Dankbar für alle Sommer des Lebens, den grenzenlosen Himmel über der Zeit, dankbar für das Gras unter unseren Füßen, als ginge man auf einer behutsam gelebten Weisheit, dankbar, weil es Tage gibt, an denen das Licht auf seltsame Weise zurückkehrt.
Dankbar für das Flüstern der Morgenstunden, ein Rauschen aus einem Land, wo der Tod endet, dankbar für die feinen Dinge, die wir pflegen, die stillen Bande zwischen tiefen Freunden, dankbar, weil die kleinsten Tränen wärmer sind als die Gedanken, die verletzen.
Dankbar für die Erinnerungstäler der Seele, wo alle, die wir verloren haben, noch immer existieren, dankbar für die helle Sprache des Lebens, für die neuen Bande, die zwischen uns geknüpft werden, dankbar, weil du uns Träume geschenkt hast, die keine Bosheit dieser Welt ganz zerstören kann.
Dankbar für das, was heute auf uns wartet, für die Ewigkeit, die wir mitten unter uns tragen, dankbar für die schönen Fäden des Lebens, die aus der Liebe gewoben werden, die uns verband, dankbar, weil wir auf Rätseln stehen und vom Geheimnis atmen: Du lenkst und führst.
Der Text stammt von der dänischen Theologin und Hymnendichterin Iben Krogsdal und gehört zu den modernen dänischen Kirchenliedern. Die Sprache ist bewusst poetisch und bildhaft; manche Formulierungen lassen sich nicht wortwörtlich, sondern nur sinngemäß übertragen. Besonders schön finde ich die Zeile:
„weil die kleinsten Tränen wärmer sind als die Gedanken, die verletzen“
und
„für die Ewigkeit, die wir mitten unter uns tragen“.
Sie verbinden Dankbarkeit, Vergänglichkeit und Hoffnung auf sehr eindrucksvolle Weise.